W Social Netzwerk: Fake-Zahlen, Rassismus und Totenstille!
Was ein Absturz! Als (weitere) Twitter-Alternative aus Europa mit viel medialem TamTam gestartet, zeigt W Social was passiert, wenn Social Media-Hobbyisten meinen eine Plattform gruenden zu muessen. Gefakete Engagement-Zahoen, Blocklisten gegen LGBTQ-Accounts, Remigrations-Grafiken von Neonazis und all dies wird noch von der Fuehrungsriege unterstuetzt. Willkommen bei den Trittbrettfahrer:innen der digitalen Souveraenitaet!

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Erst mal fair bleiben
Bevor ich draufhaue: Die Idee hinter W Social ist nicht dumm. Ein europaeisches Netzwerk unter europaeischem Recht, gehostet in Europa, gebaut auf dem offenen AT Protocol von Bluesky statt auf einem proprietaeren Eigenbau. Das ist genau der Weg, den ich seit Jahren predige. Ausweispflicht gegen Bot-Fluten ist eine Idee, ueber die man ernsthaft streiten kann und und dass die ehemalige eBay-Managerin Anna Zeiter es als CEO schafft, ihr Netzwerk innerhalb weniger Monate von Davos bis in die Tagesschau zu bringen, ist als PR-Leistung beeindruckend. Mastodon und Eurosky haben in Jahren nicht einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit bekommen...
Das Problem ist nur: Hinter der Aufmerksamkeit ist nichts, wie ich schon im Juni geschrieben habe.
Die Daten luegen nicht
Der schoene Nebeneffekt eines offenen Protokolls: Man kann nachschauen. Jede Aktion auf einem AT-Proto-Server ist als Event oeffentlich einsehbar. Jeder Post, jeder Like, jeder Follow, jedes neue Profilbild.
Also habe ich hingeschaut. Knapp 30.000 Accounts sind auf W Social registriert. Nach meiner Auswertung der Server-Events haben 91 Prozent davon noch nie ein einziges Posting abgesetzt. Etwas ueber 2.000 Accounts haben ueberhaupt mal Hallo gesagt.
Vor zwei Wochen habe ich dann zehn Minuten lang parallel mitgezaehlt...
W Social: 88 Events. 46 Likes, 18 Follows, 14 Posts, 10 Reposts... und Eurosky?
Im selben Zeitfenster, mit etwas weniger Accounts: rund 2.700 Events. Fast 2.000 Likes, 330 Posts, 265 Reposts, 48 Follows. Faktor 30.
Zur Einordnung: Zehn Minuten sind ein Schnappschuss, keine Studie. Aber ich habe mehrfach gemessen, und das Bild war jedes Mal dasselbe!
Dass es auf der Startseite anders aussieht, hat einen Grund. Dort standen unter den Postings von Zeiter und Ursula von der Leyen zeitweise Interaktionszahlen, die mit den echten Zahlen im Protokoll nichts zu tun hatten: 22 Kommentare auf der Homepage, einer im Protokoll. Elena Rossini hat das im Juli sauber dokumentiert. Was abermals beweist dass man sich keine Community kaufen kann... aber offenbar faken und tatsaechlich glauben, dass man damit durchkommt. Wild!
Wer da eigentlich postet
Jetzt der Teil, der mir Bauchschmerzen macht. Wenn 91 Prozent schweigen: Wer redet dann? Was, wo, wie 91%? Jup, 91% der dort registrierten Konten halten die Finger still!

Aber zurueck zu denen, die dort nicht nur posten, sondern vor allen Dingen auch willkommen sind. Am 14. Juni erklaerte Anna Zeiter dem Schweizer Blick, W Social wolle keine linke Blase sein, auch Alice Weidel koenne sich gerne anmelden. Blocklisten, mit denen man ganze Lager ausblenden kann, soll es nicht geben. Ein Netzwerk, das sich als Zuflucht fuer Menschen inszeniert, die vor Hass und Hetze von X gefluechtet sind, laedt die AfD-Chefin ein... lasst das mal ganz in Ruhe sacken und ja, ich wollte gerade schon wieder "wild" schreiben!
Und dann laeuft es genau so, wie man es erwartet. Vor gut drei Wochen stolperte ich ueber ein Video eines Accounts namens Tom Novak: eine Europakarte des "Institute for Remigration", jeder Punkt hundert "illegale Migranten". Das Institut gehoert zu Martin Sellner, dem Kopf der Identitaeren Bewegung. Darunter kommentiert die CEO: "Wow, it's always so powerful if you visualise data." Getaggt hat sie dazu Apples Privacy-Direktor fuer Europa, Nahost und Afrika. Man kann sich das nicht ausdenken.

Derselbe Novak repostet Fotostrecken, die zeigen sollen, wie "die verschiedenen Rassen Europas" aussehen, mit Augenfarben, versteht sich. Andere Accounts legen Blocklisten an, ausschliesslich fuer Userinnen und User aus der LGBTQ+-Community. Wer diesen Accounts folgt? Anna Zeiter. Ingmar Rentzhog, Mitgruender und Geldgeber. Und der offizielle W-Social-Account!
Nachdem ich die Remigrations-Geschichte veroeffentlicht hatte, erklaerte Zeiter, dass Liken und Teilen auf W Social keine politische Positionierung sei. Unter dieser Erklaerung postete ein User ein Pepe-the-Frog-Meme, das Maskottchen der Alt-Right. Ratet mal wer das wieder toefte findet? Rischtisch... W Social CEO Anna Zeiter!
Das ist W Social: eine Geisterstadt, deren aktivste Bewohner Rassisten sind, und eine Fuehrungsetage, die ihnen fleissig Engagement schenkt... aber schlimmer noch, die EU-Kommission hat ihren offiziellen Account draufgesetzt. Hat sich von den Journalistinnen und Journalisten, die das als "europaeisches Twitter" gefeiert haben, irgendjemand mal fuenf Sekunden lang angeschaut was da wirklich los war und ist? Ok, rethorische Fragen wollte ich eigentlich vermeiden... verzeiht!
Open Source ist eine Mitbringparty
Warum ich ausgerechnet am Digital Independence Day so einen Rant raushaue: Weil W Social ein Trittbrettfahrer ist, dem es nicht um Europa und nicht um digitale Souveraenitaet geht. Sie haben sich ein offenes Protokoll genommen, die offene Bluesky-App dazu, zugenagelt, ein paar Prominente in Bruessel und London eingesammelt, und nennen das Innovation und eigene Entwicklung. Ein vibegecodeter Wochenend-Hack!
Aber Open Source ist eine Mitbringparty und das haben die dort offenbar noch nicht ganz so begriffen. Wer kommt, nichts auf den Fressalien-Tisch packt, den Sekt wegsaeuft, den Kartoffelsalat unter den Arm klemmt und verschwindet, hat das Prinzip nicht verstanden... und wird zur naechsten Party sicherlich nicht mehr eingeladen!
Social Media kann verdammt viel Spass machen. Wenn du dir aber Idioten einlaedst, die anderen den Spass verderben wollen, musst du dich fragen, ob du die da drin haben willst oder nicht!
W Social hat sich genau dafuer entschieden... also die Blasen willkommen zu heissen, wegen derer es ueberhaupt die verschiedenen Twitter Exodus-Wellen gab.
Ob Naivitaet oder Strategie sei mal dahin gestellt... aber eine lebensverlaengernde Massnahme kann das sicherlich nicht sein und ueber kurz oder lang werden auch die diversen "High-Profile"-Accounts herausfinden, dass man Engagement auf einem oeffentlich einsehbaren Protokoll nicht faken kann.
Und dann gehen da ganz schnell die Lichter aus!
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Bleibt gesund!
