May 5 • 19M

#8 - Wie ich Erdbeben in Taiwan erlebe

Wie fuehlt es sich an ueber 13 Jahre in einer Region zu leben, die nahezu taeglich von Erdbeben erschuettert wird und wie wird man in Taiwan (im Vergleich zu Deutschland) vor diesen gewarnt?

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Jetzt moegen sich die einen fragen, was seismische Aktivitaeten denn mit einem Newsletter/Podcast rund um Tech und Netzkultur zu tun haben… guter Punkt und da gehe ich im Laufe dieses Artikels noch mehrfach drauf ein. Nicht nur bezueglich der Infrastruktur und Prozesse in meiner Wahlheimat, aber auch wie das in Deutschland ausschaut. Oder sagen wir besser mal wie es nicht ausschaut/funktioniert/genutzt wird!

2004 habe ich mein erstes Erdbeben erlebt und das auch noch auf meiner ersten selbst geplanten Reise nach Taiwan. Direkt nach dem Fruehstueck startete in meinem Hotelzimmer dieser unverwechselbare Warnton, gefolgt von einer Durchsage auf Chinesisch. 5 Sekunden danach ging dann die Post ab und ich fuehlte mich wie in einem Film. Der Spuk dauerte gerade einmal 40 Sekunden, aber my good Lord koennen 40 Sekunden lang sein.

  1. Phase “Oh wie aufregend ein Erdbeben”
    Du bist nicht nur ueberrascht, sondern auf einmal auch so ein wenig angetan und elektrisiert, dass du nun endlich mal ein richtiges Erdbeben erleben darfst.

  2. Phase “Es wird ja immer staerker”
    Wenn sich die Gebaeude hier so richtig schoen einschwingen, schafft das eine ganz seltsame Dynamik aus Geraeuschen und Bewegungen, die du zuvor so noch nie erlebt hast.

  3. Phase “Das koennte gefaehrlich werden”
    Die Begeisterung ob des aktuellen Ereignisses weicht einer irrationalen Angst. “Setz dich am besten Mal auf den Boden” denkst du… als ob das auch nur ansatzweise sicherer waere!

  4. Phase “Ich muss raus hier”
    Ich befand mich damals im 16. Stock und dachte nach ca. 25 Sekunden einfach nur noch darueber nach, wie ich das Hotel verlassen koennte. Fahrstuhl! Nein… in den schlechten Hollywoodfilmen sind die Menschen in den Fahrstuehlen ja die ersten, die sich vom Diesseits ins Jenseits verabschieden.

Ich kann diese 4 Phasen aus dem Jahre 2004 nahezu tanzen… so sehr hat sich dieses Erlebnis in mein Langzeitgedaechtnis eingebrannt. Das lief alles wie ein Zeitlupe ab… unfassbar!

Und genau dies haben wir in Taiwan in einer derartigen Regelmaessigkeit, dass selbst meine Wohnung Zeitzeuge dieser aequatorialen Entwicklung ist. Risse in der Farbe an den Waenden, im Wohnzimmer muessen wieder einmal 3 Fliesen angepasst werden, weil sie sich rausdruecken und seit dem letzten 6.6er Erdbeben geht die Kuechentuer nicht mehr zu, dafuer aber die im HomeOffice!

Taiwan ist vorbereitet

Um ansatzweise zu verstehen, wie sich so ein Erbeben auswirkt… dies sind Bilder vom letzten 6.6er, welches uns im Maerz diesen Jahres erwischt hat:

Und gerade weil sich diese Beben mit einer entsprechenden Regelmaessigkeit ueber die Insel erstrecken, wurden hier, und damit spreche ich nicht nur die Bausubstanz an, entsprechende Vorkehrungen getroffen.

Bereits vor ueber 120 Jahren begann man damit Erdbeben zu monitoren, Daten zu sammeln, auszuwerten und daraus entsprechende Entwicklungen abzuleiten. Taiwan Today hat hierzu eine spannende Uebersicht veroeffentlicht die zeigt, wie Katastrophenschutz hier gelebt wird.

Dies wird natuerlich auch regelmaessig trainiert… Probealarme, spezielle Tage des Katastrophenschutzes und eine Infrastruktur, welche die Kombination aus Fruehwarnsystemen

und Schutzraumen (fuer Taifune und Ueberschwemmungen)

als wichtigen Teil unseres Alltags definiert.

Deutschland kann es nicht

Und wie schaut es mit dem Katastrophenschutz in Deutschland aus? Die schrecklichen Bilder aus dem Ahrtal liegen nicht einmal ein Jahr zurueck und ich erspare euch hier eine chronologische Aufbereitung des Versagens. Das haben die Kolleg:innen des WDRs in einer umfangreichen Dokumentation getan, bei deren Studie ich wirklich die Fassung ueber diesen verantwortungstechnischen Cluster-Fuck verliere!

Mal davon abgesehen, dass die Wetterdienste nicht nur einmal eindringlich vor den extremen Ereignissen gewarnt haben

wurden Meldeketten und Verantwortlichkeiten in einer Art und Weise vernachlaessigt. dass ich mich wundere, dass ueberhaupt irgendwas funktionieren kann.

Bitte seht es mir nach, dass ich so einen polemischen Rundumschlag hier fabriziere, denn mal abgesehen von den oeffentlichen Offenbarungseiden diverser Politiker:innen… wie schlimm es um die Orga und Bewaeltigung von Naturkatastrophen in Deutschland steht zeigten ja nicht nur zuletzt die diversen Probealarm-Fails.

Dies ist uebrigens ein Screenshot der Nachricht, die ich vor 6 Wochen erhielt. Mitten in der Nacht, wenige Sekunden bevor das 6.6er Erdbeben Taiwan erschuetterte.

Weiterhin kann ich mich ueber derartige Extremwetter/Erdbeben-Ereignisse ueber die Webseite des Central Weather Bureau informieren, die uebrigens auch alle Erdbeben detailreich auflistet. Wohlgemerkt inkl. aller Nachbeben und das waren am 23. Maerz ueber 50!

Im Monat Maerz listete die Behoerde ueber 130 seismische Aktivitaeten, 111 lokale Erdbeben und 23 merklich spuerbare Beben.

Sobald es ueber 5 geht bekommen wir eine Cell Broadcast Message. Haetten die Menschen im Ahrtal ein derartiges System gehabt.. ich bin mir sicher, dass wir viele Menschenleben haetten retten koennen.

Stattdessen hat man ueber Jahrzehnte den Katastrophenschutz verschlafen und das ist wirklich die diplomatischste Art und Weise, wie ich meine Vorwuerfe in einige wenige Saetze packen kann. Was die ehemalige Familienministerin Anne Spiegel nach der Ueberschwemmung abzog, das war schaebig, wuerdelos und den Opfern gegenueber an Verachtung schwerlich zu ueberbieten! Gut, da unterschied sie sich nicht grossartig von der NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser… es ist ein Wahnsinn!

Ich muss mich hier wirklich schwer zusammenreissen, denn die beiden personifizieren den Status Quo des Katastrophenschutzes in Deutschland auf so perfekte Art und Weise, dass ich da gar nicht mehr grossartig nachlegen muss.

Extreme Wetterereignisse werden zunehmen. Naturkatastrophen werden Deutschland immer haeufiger heimsuchen und ja, es werden auch in Zukunft Menschen sterben. Ich bin da Realist!

Das heisst doch aber auch, dass wir alles, wirklich alles tun muessen, dass wir Fruehwarnsysteme und Meldeketten im Betrieb haben, die auch funktionieren! Ebenso wie Politiker:innen, die so viel Empathie und Verantwortungsbewusstsein haben um zu verstehen, dass all dies lebensnotwendig ist.

Und genau deshalb fuehle ich mich in Taiwan, trotz all der Erdbeben und Taifune, weitaus besser aufgehoben!

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Podcasts

ecozentrisch

Die Nachhaltigkeits-Champions der Woche kommen dieses mal u.a. von L'Oréal, Lidl, VW, EDL, Fischer Weilheim/GP Joule und Microsoft.

Und im Interview der Woche hatte ich die wunderbare Friederike Mayer von
KLIMA vor acht zu Gast, einer Initiative die zeigt was moeglich ist, wenn Menschen gemeinsam was bewegen wollen.

Casa Casi

Mit Casi und Fabi steige ich in die 2. Folge der Reihe “Gefaehrliche Milliardaere” ein und dieses Mal nehmen wir uns Jeff Bezos vor.

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"Talk less, listen more, and be decisive when the times comes." —Satya Nadella

Feingedrucktes

Ach ja, du grossartige Krypto-Welt. Du Universum der Freiheit und Transparenz in dem Global-Player wie Binance mal eben ordentlich Daten von Alexei Navalny an die russischen Behoerden uebermitteln, damit das mit dem Markteintritt in Russland ueber die Buehne geht. Hey, wenn serioes und werteorientiert, dann auch bitte richtig. Ich bin mir sicher, dass sich dies auch die Leute hinter den 37 Hacks der letzten 38 Wochen gedacht haben, die zusammen mal eben schlappe $2.9 Milliarden an Krypto erbeuten konnten. Irgendwie muss das Sprichwort mit den Kraehen und den Augen dann doch fundamental umgeschrieben werden.
Die hacken sich naemlich die Augen aus und zwar stuendlich!

Damit das aber in Zukunft in einem homogenen Umfeld geschieht, denken immerhin einige Krypto-Millionaere darueber nach eine eigene Stadt zu bauen..in El Salvador. Hoert sich fuer mich nach nem schlechten Remake von Colonia Dignidad an, wobei das ja auch schnell in Richtung UFO-Sekte transformieren koennte… ich achte in Zukunft einfach darauf, ob die seltsame Piloten-Anzuege tragen werden.

Und bevor wir jetzt noch kurz die Tatsache beackern, dass der virtuelle Landverkauf der gelangweilten Affen so viel Energie verbrannt hat, wie sie 160 000 Ein-Personen-Haushalte in Deutschland verbrauchen… wenden wir uns endlich angenehmeren News zu: Daimler geht davon aus, dass bis 2030 fast alle neuen Stadtbusse voll-elektrisch fahren und der WWF und IKEA tun sich zusammen! Warum? Schwedische Seedballs duerfen in Zukunft unsere Staedte begruenen!

Ach und last but not least gibt es 2 ganz wunderbare Internet-Schaetzchen zu bewundern:

  • HUDS GUI
    Eine Website die sich Designs und Usability von User Interfaces aus Games, Filmen, Autos etc. vornimmt. Absolut faszinierende Sammlung, die ich nicht nur allen Designer:innen empfehlen kann.

  • Old Concept Cars
    Wie der Name schon sagt, geht es um Konzeptfahrzeuge und Designstudien. Ebenfalls eine mit viel Liebe kuratierte Homepage, die mich an das Gute im Menschen glauben laesst. Wer mit so viel Muehe Ideen zusammentraegt, muss ein ganz wunderbarer Mensch sein.

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Infografik der Woche

Das Konzept des Vertical Farmings fasziniert mich einfach und wirklich keine Infografik zuvor zeigt auf so offenbarende Art und Weise auf, warum wir diese in Zukunft unter jedem Supermarkt haben muessten:

Weitere kostenlose Infografiken im Abo gibt es bei » Visual Capitalist «

Playlist Updates der Woche

In der MeTacheles Tech-Doku Playlist gibt es ein Video der sensationellen “War Stories”-Reihe von Ars Technica. Hier erzaehlen Entwickler:innen ganz persoenliche Geschichten zu Games, Hardware, Software, die sowohl die Industrien, wie auch unser Nutzungsverhalten beeinflusst haben. In dieser Ausgabe geht es um Crash Bandicoot fuer die Playstation One und wie die Devs die Konsole gehackt haben um ein paar mehr Polygone darstellen zu koennen. Absolut fesselndes Zeitdokument.

Fuer die MeTacheles Green Future Playlist habe ich ein Video zum Buero der Zukunft ausgesucht und das wirklich sehr bewusst. Waehrend der Pandemie konnten wir alle erleben, dass Remote-Work nicht nur moeglich, sondern auch verdammt effizient ist. Wie kann also das Post-Corona Office der Zukunft aussehen und wie nachhaltig koennen wir dieses gestalten?

Social Weirdness

Aber du bist doch nicht mehr auf Twitter (warum, das koennt ihr hier lesen), wie kommst du denn an diese Tweets? Freunde, auch auf Reddit und Mastodon bekomme ich massig Tweets in den Stream gespuelt und die gebe ich dann gerne mal wieder!

Btw. hier wieder mal ein Meisterstueck eines meiner Lieblings-Kanaele auf YouTube:

Und sonst so?

Tatsaechlich habe ich weite Teile dieser Ausgabe vorproduziert. Warum? Ich bin nach fast 2.5 Jahren endlich mal wieder in der alten Heimat gelandet und werde in den naechsten 10 Wochen auf grosse Deutschland-Tour gehen. Meine “Tour-Daten” gibt es » HIER « und somit vielleicht sogar die Moeglichkeit, dass wir uns persoenlich treffen, sehen und quatschen koennen.

Ansonsten findet ihr mich ja neuerdings auf Mastodon und zwar in einer derartig entspannten Art und Weise, dass ich einfach nur sagen kann… jau, Internet geht auch in nett und freundlich!

Passt auf euch auf und bleibt gesund.

Sascha