Jul 3 • 21M

#14 - 11 Wochen Deutschland - Ein Rant aus purer Verzweiflung!

Wenn du nach mehr als 2 Jahren zum 1. Mal wieder 3 Monate in Deutschland verbringst und gefuehlt das halbe Land bereist, dann veraendern sich Perspektiven.

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Ja wie ist das eigentlich, wenn man seit Februar 2020 nicht mehr in Deutschland war und das Land nur noch ueber die Nachrichten und Erzaehlungen von Familienmitgliedern und Freund:innen wahrgenommen hat? Es ist vor allen Dingen verdammt offenbarend und loest ein Gefuehl aus, welches man mit viel Diplomatie gerade noch so als Kulturschock bezeichnen kann.


Anmerkung: Den begleitenden Podcast koennt ihr direkt im Browser, aber auch auf diversen Plattformen wie u.a.

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Abflug Taipei am 6. Mai 2022

An diesem Bild habe ich tatsaechlich mehr als 26 Monate gearbeitet. Ueber 2 Jahre ohne Reisen. Knappe 800 Tage in einer Gesellschaft, die auch bei 0 Neuinfektionen die Maskenpflicht, selbst im Freien, knallhart durchgezogen hat. Und dann musste ich in Istanbul umsteigen und erkennen, dass in Europa die Coronakrise offiziell vorbei ist:

Flug von Istanbul nach Frankfurt

Bevor es gleich die 1. “stell dich nicht so an”-Kommentare gibt… mache ich nicht! Bis zum Erreichen meines Zielortes Waltrop, im Kreis Recklinghausen, trug ich diese FFP2-Maske 26h Nonstop spazieren. Wohlgemerkt ueber Mund und Nase!

In Frankfurt angekommen wurde uebrigens bei mir weder ein Corona-Test durchgefuehrt, noch mein Impfpass gecheckt. Und das auf dem groessten und internationalsten Flughafen Deutschlands. Es fuehlte sich gelinde gesagt offenbarend an und ich moechte hier abermals um Verstaendnis bitten: ich habe die Corona-Pandemie in einem Land voller Empathie, Transparenz und konsequenter Massnahmen erlebt. Die gesamte Gesellschaft zieht in Taiwan mit und ja, inzwischen rauscht der Virus durchs Land, aber immerhin haben wir “leicht” andere Impfquoten:

Impfquote Taiwan am 3.7.22

Aber das soll hier kein Corona-Artikel werden, sondern einen kleinen Einblick in eine Gesellschaft geben in der gegenseitige Ruecksichtnahme und Wertschaetzung des oeffentlichen Raumes weitaus hoeher aufgehaengt ist, als in meiner alten Heimat.

Und die zeigte sich leider alles andere als von ihrer besten Seite. Waehrend das beschauliche Waltrop, Staette meiner fruehen Jugend, sich so darstellte wie ich es kannte (was uebrigens auch heisst, dass sich dort nichts veraendert hat), hat mir Berlin die andere Seite Deutschlands… ich wuerde nicht sagen gezeigt, sondern direkt ins Gesicht geschmissen!

Es faengt direkt am Hbf an, der deplatziert ueber der Stadt abgeschmissen wurde. Hauptsache pompoes, kompliziert, teuer und relativ solitaer gedacht. Anstatt direkte Verbindungswege Richtung Bus und Strassenbahnen zu schaffen.. anstatt grosse Rad-/Autoparkhaeuser in die Planung einzubeziehen, laeuft man auf eine Taxi-Haltebucht zu, die kleiner ist als die am Bahnhof von Castrop-Rauxel und entsprechendes Chaos unter den Reisenden verursacht:

Taxi-Haltestelle, Berlin Hbf

Gut, kann passieren und wer einen Bahnhof nach dem M.C. Escher-Prinzip konstruiert, der hat fuer solche profanen Loesungen eher weniger Zeit. Was uebrigens auch das passende Stichwort ist… also Zeit. Menschen in Deutschland sind so gestresst, dass sie einfach keine Zeit haben ihren Muell zu entsorgen! Bedeutet vor allen Dingen, dass die staedtischen Entsorger eigentlich die krisensicherste Branche im Lande stellen duerften, oder?

Muell in Berlin

Deutschland ist verdammt noch einmal dreckig, zugemuellt und zum Teil echt ekelig. Ja, ich pauschalisiere hier und nein, es sieht nicht ueberall so aus. Aber wenn die Berliner-Luft sich vor allen Dingen ueber die kraeftige Note Ammoniak definiert, dann haben wir ein Problem!

Aber nicht nur das, denn wenn ich sehe wie wir den oeffentlichen Raum der individuellen Mobilitaet ueberlassen und zusaetzlich feinste Blitzwirtschafts-Strategen ihre Loesungen auf den Buergersteigen abwerfen lassen… ich finde da ehrlich kaum noch Worte.

Natuerlich kommen wir mit Scootern, Raedern und Rollern auf unseren Buergersteigen klar! Ist halt einfach noch eine 2. Reihe Blech und Stahl, welche die Bewohnerinnen noch ein Stueck weiter in ihrer Bewegungsfreiheit begrenzt. Mal davon abgesehen, dass zwischen dem vermeintlichen Trend der Share- (redet da ueberhaupt noch jemand drueber?) und der Lazyness-Economy (Gorillas, Getir, Flaschenpost und Co) eine riesige Schnittmenge der VC-Verluste liegen… wie kann es eigentlich sein, dass all dies im oeffentlichen Raum stattfindet und diese privaten Dienste diesen Distributionskanal mal eben so einfach monetarisieren koennen?

ihr braucht keine Lebensmittel-Lieferungen in 2 Minuten, die nur moeglich sind weil das gesamte System auf uebelster Ausbeutung beruht.

Challenge fuer die kommenden Sommerferien: Einfach mal eine kostenpflichtige App bei Apple und/oder Google hochladen und sich danach weigern die ueblichen 30% des Umsatzes an die beiden Appstores abzufuehren. Jap, genau das ist in unseren Staedten moeglich!

Rad in Berlin

Wobei wir diesen Diensten eigentlich dankbar sein muessten. Schliesslich zeigen diese auf offenbarende Weise auf, wo die Stadtplaner:innen und Oeffis versagt haben und zwar auf ganzer Linie! Das Prinzip der 15 Minuten Stadt braucht weder komplett zugestellte Standstreifen, noch derartige Services der persoenlichen Faulheit! Ker bewegt euren Hintern fuer die 500 Meter zum Markt und nein, ihr braucht keine Lebensmittel-Lieferungen in 2 Minuten, die nur moeglich sind weil das gesamte System auf uebelster Ausbeutung beruht.

Es muss sich was tun in Deutschland! Mit der Infrastruktur, mit unserer Einstellung, aber vor allen Dingen bzgl der Art und Weise wie wir miteinander umgehen… denn dies faerbt auch auf den oeffentlichen Raum ab. Wohlgemerkt in beide Richtungen, denn ab und zu entdeckt man mal so Oasen, wie in der Hausgemeinschaft im Wedding, wo ich seit einigen Wochen leben darf:

“Gabentisch”

In dieser Ecke tauschen die Bewohner:innen nicht mehr benoetigte Gegenstaende… einfach so. Kostenlos! Und ja, ich kenne aehnliche Konzepte aus Berlin schon seit Jahren, aber ist das nicht einfach nur schoen und nett? Es erinnert mich an die Buecherspendeboxen in Taipei oder die Regenschirmstaender in unseren U-Bahnen dort, an denen man sich einfach bedienen kann. Es geht doch und wisst ihr was, Menschen lieben es!

Waehrend des “Hey Hamburg”-Events hat Uber uns mit fantastischen Kuchen und Donuts versorgt und zwar so umfangreich, dass auch am spaeten Nachmittag noch immer mehr als genug davon vor Ort auf ihre Konsument:innen warteten.

Warum also nicht genau das, was ich u.a. so ein klein wenig mit meinem Thema "Reboot Hamburg" zuvor angesprochen hatte, in die Tat umsetzen? Eine Kiste gepackt, ab damit zum Hamburger Bahnhof und dann direkt damit an die Menschen, die ein "Entschuldigen sie, darf ich ihnen ein Stueck Kuchen anbieten?" wohl zum Teil seit vielen Jahren nicht mehr gehoert haben.

In gerade einmal 10 Sekunden erlebte ich dann 3 emotionale Veraenderungen...

  • von dem 1. Schrecken, dass sie so direkt und freundlich angesprochen werden

  • ueber das Erstaunen, wenn ich die Kiste mit den Kuchen geoeffnet habe

  • zu entwaffnender Dankbarkeit in ihren Blicken, wenn sie sich dann einen herausnehmen konnten

In Hamburg, einer der reichsten Staedte in Deutschland, laeuft (u.a. mit Udo Lindenberg) eine Kampagne fuer die lokale Tafel. Motto: "Wir haben Hamburg noch nicht satt". Und so sieht das in vielen Staedten, nicht nur in Deutschland aus.

Von daher moechte ich euch wirklich auffordern dies einmal persoenlich zu erleben. Das holt dich nicht nur aus deiner privilegierten Blase raus, es erdet dich durch diese Blicke und ehrliche Dankbarkeit, die dir entgegengebracht wird.

Und vielleicht hilft es uns allen auch ein wenig dabei unsere Gesellschaft zu hinterfragen und hier und da (nicht nur) neu zu denken!

Noch nicht angemeldet? Dann aber ran an kostenlose Erguesse zu all den Themen die mich interessieren. Denn ansonsten wuerde ich nicht darueber schreiben :)


This end won’t justify the means
The truth has been a little bent
Your men will turn into machines
Is that the letter of intent?

Dozer - Big Sky Theory

Feingedrucktes

Fangen wir einfach mal direkt mit dem “wer sagt es ihm”-Moment der letzten Tage an… das EU-Verbrenner Verbot und die Weigerung von Regierungsmitgliedern sich der fundamentalen Strategie der Automobilindustrie anzuschliessen! Sorry, aber das ist auf rein niveautechnisch kurz vor dem Level der Klimawandel-Leugner:innen und aergert mich. Sehr sogar!

Was ich aber wirklich begruesse ist die Strategie bei Mercedes. Volumen-Modelle raus aus dem Portfolio und voller Fokus auf die Margenbringer. Ola und sein Team machen da einen tollen Job und setzen, zumindest bei den Kernprodukten, wichtige Massnahmen um. Wie uebrigens auch das hauseigene Formel 1-Team, welches schon seit Jahren bzgl Diversity-Initiativen klar Position bezieht! Das Ignite-Projekt ist da ein weiterer Meilenstein und Angesichts der unsaeglichen Piquet-Statements und der Art und Weise wie die imho beste Motorsport-Moderatorin ever(!) in den sozialen Medien angegangen wird, ein weiteres wichtiges Zeichen. Das Team in Brackley war, ist und bleibt ein stabiler Fels in der Brandung und wird nicht muede dies auch zu kommunizieren. Bravo!

Bleiben wir noch kurz bei der Mobilitaet, denn das 9 Euro Ticket ist offensichtlich ein sensationeller Erfolg. Auch fuer den Verkehrsfluss der Regionen! Das kann man von Tesla zur Zeit nicht wirklich behaupten. 200 Angestellte der Autopilot-Abteilung werden gefeuert, die Kisten steuern wahlweise in den Gegenverkehr oder Strassenbahnen, es gibt wieder Klagen voller Rassismusvorwuerfe und der Output ist im Vergleich zu Q1 um 20% zurueckgegangen. Was ein Glueck, dass der feine Herr Musk noch $10 Mrd Shares verkauft hat & die Pump-Stories zuvor noch richtig die Runde gemacht haben.

Im Kryptoland sieht es nicht rosiger aus. Die EU zieht endlich die Daumenschrauben an und der NFT-Markt begibt sich langsam aber sicher in die Richtung eines jeden Coins… nach ganz unten! An dieser Stelle empfehle ich uebrigens (wie auch immer mal wieder zu Tesla-Themen) gerne einmal den wunderbaren Patrick Boyle. Die pragmatische Wissens-Oase im Ozean der Scams:

Aber keine Angst, es gibt auch nen Schwung Good News bzw. was fuer die Nostalgiker:innen. Vor 15 Jahren ging das iPhone in den Verkauf und auch Atari hat inzwischen 50 Jahre auf den Buckel. Was der damalige Gruender da fuer Geschichten rausholt, das durfte ich auch selber auf einer der letzten CeBITs erleben. Star Struck neben Nolan Bushnell:

Ob jetzt AI-Craft Beer und die aktuellen KI-Entwicklungen bei Google noch unter Good News fallen… you’ll be the judges. Die Geschichte eines deutschen iOS-Entwicklers ist es aber definitiv und zeigt damit auch, dass Fleiss & Einsatz Erfolge bringen. Langfristig!

Kurzfristig kann man (zum Glueck) festhalten, dass der Personal Brand-Quatsch endlich auf dem absteigenden Ast zu sein scheint und die US-Behoerden sich Software aus China genauer anschauen. Richtig spooky wird es aber, wenn Sekten Firmen wie Google unterwandern, Instagram Shadowbans auf Abtreibungs-Postings setzt und Facebook sensible Daten von Krankenhaus-Webseiten abgreift.

Aber was weiss ich denn schon?!

Believin' all the lies that they're tellin' ya
Buyin' all the products that they're sellin' ya

Rage against the Machine - Bullet in the Head

Infografik der Woche

Sowas von auf den Punkt (Einfach anklicken fuer die groessere Variante):

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Langsam aber sicher verliere ich den Glauben an die Menschheit, wenn mir dieses fliegende Hotel als Innovation verkauft werden soll:

Einer der ehrlichsten Tweets unserer Zeit:

Ach ich habe laut gelacht:

If you don’t know… now you know:

Und sonst so?

Ich mache nun wirklich fuer knappe 2 Monate den Deckel drauf, sprich es geht in die Sommerpause. Warum? Die kommenden Themen sind zeitintensiv, muessen vernuenftig produziert werden und ich benoetige dafuer eine schoepferische Pause. Auf LinkedIn werden aber alle 14 Tage aeltere Folgen von Ausgabe 9 an rueckwaerts recyclet. Heisst also, dass ihr auch dort diesen Newsletter/Podcast abonnieren koennt.

Bleibt mir gesund, ladet eure Batterien diesen Sommer auf, denn Herbst und Winter koennten in diesem Jahr herausfordernder werden, als wir es uns ertraeumen.

Ach und denkt doch bitte noch einmal ueber die oben bereits erzaehlte Kuchen-Geschichte bzw. ueber eine Spende an die Tafeln in Deutschland nach. Gesellschaftliche Veraenderungen fangen mit Empathie und Wertschaetzung an. Vor allen Dingen gegenueber denen, die wir so gerne im Alltag uebersehen!

Sascha

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